Verhältnismäßigkeiten

Gerade steht der Süden Brasiliens unter Wasser. 90 % von dem südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul sind von der größten Katastrophe Brasiliens betroffen. Es regnet seit Tagen so wie niemals zuvor. Mehr als 2,1 Millionen Personen sind davon betroffen, über 538.000 sind obdachlos geworden. Die gesamte Ernte steht unter Wasser und ist damit verloren.

Ich weiß nicht, ob ich richtig gezählt habe, aber es ist die vierte oder fünfte Riesenüberschwemmung in diesem Jahr. Während in einigen Regionen das Wasser zu viel ist, fehlt es in anderen, so wie Anfang des Jahres in Spanien oder jetzt im südlichen Afrika.

Ich war erstaunt darüber, dass mir erst ein brasilianischer Teilnehmer von C.A.R.E. davon berichten musste. In deutschen Medien musste ich wirklich erst danach suchen und dann auch brasilianische Informationen zur Hilfe nehmen, um mich informieren zu können.

Zeitgleich mit dieser Katastrophe geht der Protest gegen den Ausbau der Tesla Autofabrik weiter. Am letzten Wochenende gab es ein Aktionscamp mit vielen Menschen. Viele der Aktionen waren erfolgreich, aber viele ,insbesondere junge Menschen erlebten extreme Polizeigewalt, von der vielleicht nicht so berichtet wurde. Der Ausbau der Fabrik wird geschützt, obwohl es nach Statistiken bereits zu viele SUV s gibt und das Dorf gegen ihn gestimmt hat. Und falls ihr es nicht wisst, dieser Ausbau befindet sich in einem Naturschutzgebiet in dem trockensten Bundesland Deutschlands: Brandenburg. Braucht es hier nicht Alternativen? Und weitere Gedanken für eine wirkliche Verkehrswende? Mehr könnt ihr finden unter https://t-den-hahn-abdrehen.org/

Polizeigewalt erlebten auch Studierende, die einige Universitäten besetzt haben.


Deswegen möchte ich diesen Brief nutzen, um etwas dem zu sagen, wie ich gerade Verhältnismäßigkeit erlebe. B. Höcke darf im Fernsehen auftreten und vor Gericht so tun, als wüsste er nicht, was faschistische SA Parolen sind. Wie ist es möglich, dass Menschen kontakt und Kommunikationsverbot bekommen, weil sie auf dem Palästina Kongress sprechen wollten, aber ein B. Höcke nur zu einer Geldstrafe verurteilt wird und weiterhin, seine faschistische Propaganda äußern darf. Mit welchen Verhältnismäßigkeiten gehen wir gerade um?

Sich für eine Waffenruhe einzusetzen oder für die palästinensischen Menschen, ist gleich antisemitisch oder für die Hamas. Es fühlt sich schon fast gefährlich an, dass hier zu schreiben. Gerade deswegen tue ich es aber auch.

Ich weiss, wie polarisiert der Diskurs ist, aber noch mal deutlich, ich bin nicht gegen jüdische Menschen, wenn ich die Politik Israels kritisiere und mich für einen Waffenstillstand und gegen weitere Einsätze des israelischen Militärs einsetze. Es sind bereits über 35 000 Menschen getötet worden. Die Überlebenden befinden sich in einer humanitären Katastrophe. Ich bin auch nicht gegen Israel und stelle auch nicht das Existenzrecht in Frage, wenn ich mich gegen die Kriegspolitik Israels stelle. Ich bin auch nicht für die Hamas, wenn ich mich für Waffenstillstand einsetze. Ich stimme auch nicht unbedingt mit Positionen der Studierenden überein, wenn ich mich für ein anderes Vorgehen der Universitätsleitung mit den Studierenden einsetze.

Das große Thema, was heisst Meinungsfreiheit? Und für wen? Und wie können wir sie neu beleben und praktizieren? Aber wo sind ihre Grenzen, für mich sehr kurz gefasst, gibt es eine simple Möglichkeit der Unterscheidung, Meinungen, die Menschen verletzen oder Menschen in Gefahr bringen, sind Meinungen, die kein Recht darauf haben, verbreitet zu werden. Und deswegen bin ich auch dagegen, einem Björn H. eine Plattform zu geben.

Vielleicht siehst Du das anders? Und handelst anders, wie können wir dann miteinander im Gespräch bleiben und uns zuhören?

Puh…

Wie ist es möglich, dass, was gerade so vordringlich ist, nämlich die Klimakatastrophe, die schon im vollen Gange ist, zu stoppen und das Leben auf diesem Planeten irgendwie zu erhalten? Welche Schritte brauchen wir JETZT?

Es sind Fragen, zu viele Fragen…. wir brauchen den Austausch darüber…

Somatik und Bewegung sind Hilfsmittel, um uns zu unterstützen, aber wir brauchen gerade mehr. Vielleicht geht das gerade nicht in Deinem Leben, weil anderes zu dringend ist, dann sollen meine Worte in Dir keine Schuldgefühle auslösen! Hast Du aber Kapazitäten, dann bitte ich Dich, Dich mehr einzusetzen und Deine Stimme und Deine Handlungen zu nutzen, bevor es irgendwann zu spät ist. Ich lese gerade das Buch „Bittere Brunnen“ von Regina Scheer, eine Biographie über Hertha Walcher, die als Kommunistin rechtzeitig vor den Nazi geflohen ist und dann im Exil war. Nach der Machtergreifung ging es so schnell, dass Andersdenkende verfolgt wurden. Ein Bündnis von links war nicht möglich, weil sich die Gruppen nicht einigen konnten. Ist es also möglich, sich über Meinungsverschiedenheiten hinweg, auf einen Grundkonsens gegen Nazis zu einigen? Oder ist es möglich, sich auf Klimaziele zu einigen, die…